Nicht Google+ sondern Journalismus und Verlage sind tot

Heute ist auf vielen Verlagsseiten und Blogs wieder mal zu lesen, dass Google+ tot ist. Jedem, der sich auch nur eine Stunde mit Google+ beschäftigt hat, wird erkennen, dass das stumpfe Meinungsmache ist und alles andere als der Wahrheit entspricht.

Hintergrund der aktuellen Berichte ist, dass Google+ Erfinder Vic Gundotra gestern verkündete, dass er Google nach acht Jahren verlässt.

Google+ ist tot?

Google+ Win

Alles andere als ein Flop: Google+

Futurebiz berichtete im Februar 2014 über 359 Millionen monatlich aktive Nutzer auf Google+, leider ohne Quellenangabe. Daher lege ich diesem Artikel die im Oktober 2013 von offizieller Seite bekanntgegebenen Zahlen von Google selbst: 300 Millionen aktive User verzeichnet das Netzwerk demzufolge.

Der Google+-Statistikdienst CircleCount zählt aktuell (25.04.2014) 7.9 Millionen aktive Profile in Deutschland, was 9.6 % der Bevölkerung entspricht. Mit 8.5 Millionen Followern ist Lady Gaga der meistgefolgte Account, dicht gefolgt von Britney Spears mit 8.4 Millionen Followern. Die meistgefolgte Seite ist YouTube mit 8.6 Millionen Followern. Die größte Community (entspricht Facebook Gruppen) ist snapchat-android-beta mit 446.167 Mitgliedern, die 26.009 Beiträge verfasst haben.

Wer angesichts dieser Zahlen als Journalist immer noch über eine Geisterstadt und das Ende von Google+ schreibt, sollte darüber nachdenken, ob Journalismus der Beruf ist, der einem liegt.

Den gleichen Tenor schlägt auch Sascha Pallenberg in seinem aktuellen Rant ein:

Vic Gundotra, fuer viele der Vater von Google+, hat verkuendet die Mountain Viewer zu verlassen. Die perfekte Gelegenheit fuer Qualitaetsjournalisten und von Rotwein benebelte Techbloggerinnen das “Ghosttown” Mantra anzustimmen.

Journalismus ist tot!

Wer sind also die Journalisten, die schreiben, Google+ sei eine Geisterstadt und dem Tod geweiht? In der Regel schreiben diese anonym.

Markus Schmidt auf chip.de: „Google+: Chef weg, Mitarbeiter weg, droht das Aus?“

Der Autor folgt 21 Profilen, 104 folgen ihm. Öffentliche Beiträge: keine. Markus Schmidt ist also ein absoluter Fachmann, wenn es um die Beurteilung der Zukunft von Google+ geht.

Anonym auf welt.de: „Der langsame Tod von Google Plus beginnt“

Ein Autor wird nicht genannt. Um dir eine Meinung zur Qualität des Artikels machen zu können, möchte ich dir zwei Zitate liefern:

Google Plus ist als Plattform konzipiert, die verschiedene Dienste des Internetkonzerns miteinander verbindet. […] Sollte das 2011 gestartete Google Plus allerdings auch als direkter Rivale zu Facebook gedacht gewesen sein, kann es mit dem weltgrößten Onlinenetzwerk nicht in der Bedeutung mithalten.

Hätte man mit etwas Recherche herausfinden können: Google+ war niemals als Konkurrent zu Facebook gedacht.

Etwa ein Drittel des Artikels auf welt.de findet man übrigens auch als Kopie Wort für Wort in einem Artikel auf zeit.de. Dort auch ohne Nennung eines Autors.

Neben der bescheuerten Headline „Neben Facebook verblasst: Google-Plus-Chef geht“ (wurde wirklich der Google-Plus-Chef mit Facebook verglichen oder doch eher die Plattform Google+?) kannst du auch wieder die gleiche Textphrase lesen. Wieder von einem nicht namentlich genannten Autor.

Einige dieser Artikel berufen sich dabei auf den Bericht „Google+ Is Walking Dead“, der auf techcrunch erschienen ist. In dem Artikel steht deutlich, dass Google+ nicht abgeschaltet wird. Entweder verstehen die Autoren der deutschen Verlage kein englisch oder die Fakten sind einfach egal, Hauptsache die Überschrift generiert viele Klicks.

Verlage sind tot!

Erinnerst du dich an die eingangs erwähnten 7.9 Millionen in Deutschland monatlich aktive User auf Google+? Ich habe mich gefragt, ob das nicht ganz schön viele sind, für eine Geisterstadt, für eine tote Plattform. Wäre es da nicht interessant zu wissen, wie viele monatliche Leser (Leser beinhalten auch nicht registrierte User!) die Medienportale haben, auf denen geschrien wird, dass Google+ tot ist? Hier eine kleine Rangliste:

  1. chip.de: 13.71 Millionen
  2. welt.de: 10.14 Millionen
  3. zeit.de: 6.02 Millionen
  4. n-tv.de: 3.85 Millionen

(Quelle der Zahlen: Jeweilige Media Kits der Verlage)

Nach nicht ganz drei Jahren (inklusive der „Closed Beta“-Phase) hat Google viele Verlage schon überholt, was die monatliche Nutzerzahlen angeht. Die Verlage sind dabei aber schon deutlich länger im Netz vertreten als Google+. Verlagsseiten sind also mindestens genauso tot wie Google+.

Fazit

Das einzige, das nach der aktuellen Berichterstattung über Google+ klar ist, ist, dass die Medien/Journalisten von einander abschreiben, Fakten nicht überprüfen, eine Recherche nicht angestellt wird und die Autoren der jeweiligen Artikel, falls vorhanden, ihre Profile nicht mit Google+ verknüpft haben oder dort nicht aktiv sind.

Veröffentlicht von

Hi, mein Name ist Dominik und ich berichte hier über meine Erfahrungen und Beobachtungen zu den Themen Onsite-Optimierung, WordPress und Social Media. Seit Anfang 2013 bin ich auch Selbständig tätig und betreue Kunden bei Webprojekten. Wenn du dich mit mir verbinden möchtest, kannst du mir gerne auf Google+ folgen. Aber auch auf Twitter und Facebook bin ich aktiv.

18 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Sorry, aber diese Retourkutsche ist mir zu billig. Wer schon findet, man könne Google+ nicht mit Facebook vergleichen, kann nun wirklich nicht ernsthaft die Nutzerzahlen mit denen von Verlags-Onlineauftritten vergleichen.
    Ich rede jetzt nur mal für mich. Ich bin ein sehr online-affiner und vor allem extrem online-erfahrener Printmedienmensch. Ich habe mich jahrelang gesträubt, bei Facebook mitzumachen, aus Gründen, die ich heute wohl niemandem mehr erklären muss. Als Google+ kam, war ich schon vor dem offiziellen Launch dabei. Mir schien es damals das zu bieten und zu können, was ich an Facebook vermisste oder misslungen fand.
    Zwei Jahre lang habe ich versucht, Kollegen dieses Kommunikationsmedium schmackhaft zu machen. Dann kam ein Moment, an dem ich binnen kurzer Zeit viele alte Bekannte zusammentrommeln und auf dem Laufenden halten wollte. Ich hatte bei Google+ praktisch jeden eingekreist, den ich im Real-Life-Adressbuch hatte, sofern er denn angemeldet war. Es war eine niedrige zweistellige Zahl. Dann meldete ich mich zähneknirschend bei Facebook an. Binnen 14 Tagen war ich – ohne viel tun zu müssen – mit über 300 alten Bekannten vernetzt, die ich teilweise seit Jahren nicht gesehen hatte. Und: Fast jeder, der auf Google+ war, war auch bei Facebook.
    Wenn ich also etwas verbreiten („teilen“ oder mitteilen) möchte, wenn ich diskutieren will, erreiche ich die Menschen über das verdammte Facebook einfach besser. Deshalb bin ich bei Google+ sehr still geworden. (Hinzu kommt, dass mir Google in jüngster Zeit noch einen Tick unheimlicher vorkommt als Facebook. Die werden mir zu mächtig und vernetzen noch extremer als Zuckerbergs Leute Dinge, die aus Nutzersicht nicht zusammengehören.)
    Es ist also eine bewusste Entscheidung von mir, die Nutzung der Google-Dienste zurückzufahren. Ich suche öfter mal mit Qwant, Bing oder Duckduckgo, nehme nicht immer Chrome, sondern zunehmend Safari, nutze Googles Cloud-Dienste kaum noch, synchronisiere meine Kontakte nicht mehr über Gmail etc.
    Es fällt mir auch nicht schwer, weil ich nicht das Gefühl habe, irgendetwas zu verpassen oder zu vermissen. Google+ mag keine totale Geisterstadt sein, aber doch wohl eine Stadt mit etlichen Potemkinschen Fassaden.

    • Mit diesem „Auf Facebook habe ich sofort alle meine alten und neuen Bekannten gefunden, auf G+ nicht“ zeigst du auch direkt den für mich wichtigsten Unterschied auf. Der Focus von G+ liegt nicht darauf dich mit deinen RL-Bekannten zu vernetzen, sondern mit Gleichgesinnten. Politische Debatten und Technische Diskussionen auf hohem Niveau habe ich auf Facebook noch nie gehabt (Flamewars sind da eher die Regel), auf G+ dagegen wohl. Und das alles mit Leuten die ich zu großen Teilen gar nicht persönlich kenne, die mir aber interessensmäßig nahe stehen.

      In kurz: Facebook = Leute die du kennst, Google+ = Leute mit ähnlichen Interessen

      • „Facebook = Leute die du kennst, Google+ = Leute mit ähnlichen Interessen“

        Perfekte Zusammenfassung und irgendwie glaube ich, dass das zu wenige verstehen.
        FB Anmelden -> Die Vernetzung mit Freunden/Bekannten ist sofort da -> Normale Smalltalk Kommunikation und ein paar interessante Sachen.

        G+ Anmelden -> Erstmal Gleichgesinnte suchen, interesante Circles auftun, Diskussionen folgen usw. = Anstrengend, dauert erstmal bis man sich einen Stream aufgebaut hat, aber – jedenfalls bei mir – der ist deutlich interessanter als der bei FB

      • „In kurz: Facebook = Leute die du kennst, Google+ = Leute mit ähnlichen Interessen“

        Das liest sich für mich wie

        Facebook = Soziales Netzwerk
        Google+ = Internetforen

    • „Sorry, aber diese Retourkutsche ist mir zu billig. Wer schon findet, man könne Google+ nicht mit Facebook vergleichen, kann nun wirklich nicht ernsthaft die Nutzerzahlen mit denen von Verlags-Onlineauftritten vergleichen.“

      Genau das Gleiche dachte ich auch.

      Google+ führt bei mir auch nur ein Schattendasein. Bei mir lag es hauptsächlich daran, dass Facebook zuerst da war und google+ für mich keine nennenswerten Vorteile besitzt

    • Hallo Ulf,

      vielen Dank für dein ausführliches Feedback.

      Wie Philipp, Fritz und Sven schon ganz richtig geschrieben haben, ist Facebook ein Freundenetzwerk, während Google+ ein Interessennetzwerk ist. Das ist ein riesiger Unterschied. Ich erreiche die Mehrzahl meiner Freunde auch über Facebook, deutlich weniger über Google+ oder Twitter.

      Die monatlichen einzigartigen Besucher pro Website sind ein erster Anhaltspunkt für den Erfolg einer Plattform. Weitere Kennzahlen wie Aktionen pro Besuch, Verweildauer etc sind häufig nicht bekannt. Daher nutzen viele Journalisten auch nur die reine Anzahl der Besucher um daraus schließen zu können, dass Google+ ein Flop ist – weil Facebook eben größer ist. Also reicht vielen (nicht allen!) Journalisten das wohl aus, um sich als Technik-, Internet- und Google+-Experte zu positionieren und den Untergang vorhersagen zu können.
      Im Umkehrschluss müssen es sich die großen Onlinemedien aber auch gefallen lassen, wenn man die gleichen Metriken als Bewertungsgrundlage für die eigenen Plattformen zu Grunde legt.

      Der Artikel sollte auch kein Aufhänger für eine Diskussion über das beste soziale Netzwerk sein, sonder aufzeigen, wie nahe die dem Tod sind, die ihn anderen prognostizieren.

      @Phinphin
      StudiVZ war vor Facebook da. Nutzt du noch StudiVZ? :-)

    • Danke für den Hinweis. Das unterstreicht noch mal die Hauptaussage meines Artikels: Journalismus und Verlage, die nach diesem Muster arbeiten (Inhalte ohne Recherche veröffentlichen), sind tot.

  2. Der Weltartikel gibt pos als Autorenkürzel an, denke mal das is dann Dr. Ulf Poschardt, lese die Welt aber nicht und kenne daher deren Autorenkürzel nicht, die in den Printausgaben immer stehen

    • Danke für die Info. Ein Kürzel ist für mich aber kein Name. Ich habe das Kürzel gegooglet und auch nach einer Autorenübersicht geschaut – ich bin nicht fündig geworden. Von daher fällt das für mich in die Kategorie „anonym“.

  3. Klar wird facebook mehr genutzt wird ja auch überall breit getreten. Wenn selbst Ketchup Firmen mit ihrer FB Seite im TV werben. Von Google+ haben dagegen nur die wenigsten gehört. Ich bin seit der ersten Stunde dabei und habe mittlerweile seit 1 Jahr mein FB account gelöscht (was eine wahre Tortur war). Einfach aus dem Grund weil facebook mir, gelinde gesagt tierisch auf den Sack ging. Keine Kontrolle undurchsichtige Einstellungen. Massiver Spam und Werbung. Und die Beiträge die fb mir in Stream einstellt ohne das sie für mich überhaupt Relevanz haben. Bei Google+ hingegen gibt es diese Nerv Faktoren gar nicht erst. Dazu kommt das es die besseren Funktionen bietet. Wie z.b. das gezielte teilen von Beiträgen, die genialen Foto und Video features, Hangouts on air usw usw usw. Wenn man bedenkt das momentan nur ca 20% der geplanten features auf Google+ ausgerollt sind, dann haben die anderen sozialen Netzwerke für mich keine Chance mehr.

  4. 300 Mio Nutzer laut Google? Na klar, bestimmt nicht geschönt. 295 Mio sind bestimmt Zwangsaccounts durch Android und YT, die mit einberechnet wurden. Lady Gaga mit 8,5 Mio bestes Profil? Auf FB hat die 65 Mio Folower und die sind nicht durch +1 und Folgen doppelt gezählt… G+ IST eine Geisterstadt, das wollen viele einfach nur nicht wahrhaben.

    • Interessant, G+ hat Karteileichen, ui!
      Und dann auch noch weniger Lady Gaga Anhänger als FB
      Nochmal: Ui!

      Und dann gleich der endgültige Logikschluss – > Geisterstadt

      Dann kann ich auch zu jeder beliebigen Stadt mit weniger Einwohner als Berlin oder Hamburg sagen: Geisterstadt….

    • 300 Millionen monatlich aktive User, nicht Karteileichen. Dass Facebook größer ist habe ich nirgends angezweifelt. Darum geht es in dem Artikel auch nicht.

      Magst du mir die URLs zu deinem Google+- und Facebook-Profil geben? Ich würde gerne sehen, wie viel dein Urteil wert ist, dass Google+ eine Geisterstadt ist.

  5. Ich würde eher sagen:
    FB = Menschen die ich (teilweise leider) kenne,
    G+ = Menschen, die ich kennen lernen möchte

    Dadurch ist das Niveau automatisch auf FB deutlich niedriger, Hier gehts primär um Partyfotos und lustige Bilder.
    Bei G+ gibts das zwar theoretisch auch, aber gute Unterhaltungen überwiegen bei mir deutlich

  6. Wahre Worte. Mangelnde Recherche oder auch Gleichgültigkeit gegenüber Fakten ziehen sich leider quer durch alle wichtigen und unwichtigen Themen in unserer Medienlandschaft….

    Hauptsache man bekommt mit seinen marktschreierischen Headlines ein paar Besucher, die man dann mit Popups, etc. totschmeissen kann…

  7. Pingback: Google+ Fakten — Der aktuelle Verlauf seit Juni 2011 | webpixelkonsum

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